Von Memo Şahin

Er war der jüngste von drei Geschwistern. Alle drei waren zusammen, bis sie vor hundert Jahren gewaltsam von der Familie gerissen worden sind. Trotz der Schwierigkeiten durch die Trennung  klammerten sie sich aneinander. Ausgehalten haben sie es so etwa 50 Jahre. Der älteste hieß Cezire, die zweite Afrin und der jüngste Kobanê, der verwöhnt wurde von den Geschwistern. Er ähnelte Nazif, der nach dem Ersten Weltkrieg gegen die französischen Besatzer die Heimat der Kurden heldenhaft verteidigte. Die älteren haben ihn behütet und in ihre Mitte genommen, damit er sich nicht einsam fühlte ohne Familie. Und der Tag der rücksichtslosen Trennung kam auch für sie. Sie wurden getrennt vor fünfzig Jahren voneinander. Weder wurden sie gefragt, noch holte jemand ihre Zustimmung ein.

Unumgänglich war das Urteil, unwiderruflich der Befehl. In die Tat umgesetzt die Arabisierungspolitik durch den Arabischen Gürtel. Zwischen ihnen wurden Stämme angesiedelt, deren Sprache, Bräuche und Traditionen ihnen fremd waren. Seit über fünfzig Jahren leben diese drei Geschwister voneinander getrennt. Weder können sie sich umarmen noch zusammen kommen.

Kobanê ist auf sich allein gestellt, weit von den Geschwistern. Er ist einsam und Waise seitdem. Weil er weiß, was es bedeutet, allein und einsam zu sein, ist er freundlich und hat immer ein Lächeln parat. Und er ist fortwährend bereit, alles zu geben, was er in der Hand hat, wenn Befreundete ihn um etwas bitten.

Seit drei Jahren ist er eingekesselt von Schakalen und Kojoten. Weder hat er Brot, noch Strom und Wasser zum Trinken. Als ob dies nicht genug wäre, bombardieren sie ihn seit fünf Monaten aus allen Himmelsrichtungen. Er ist der jüngste und gebrechlichste der drei Geschwister, den die Djihadisten jagen wollten auf der Ebene.

Es hat sich aber herausgestellt, das alles anders war. Er war der hartnäckigste und entschlossenste unter den Geschwistern in Sachen Verteidigung. Der jüngste wurde zum Held der Helden, der einen beispiellosen Widerstand leistete gegen die Schakale, die in vielen Staaten Angst und Schrecken verbreiteten. Sein Name wurde zu Lebzeiten mit goldenen Buchstaben eingraviert in die Geschichte. Und „Märtyrer-Stadt/ Legion d’honneur“ oder „Heimat der Helden“ wurde er genannt, wegen des Widerstandes mit einfachen Waffen gegen die hochgerüsteten IS-Banden.

Kommt der Tag und Euer Weg nach Kobanê führt von oberhalb der Bahnlinie nach Süden, bückt Ihr Euch ein bisschen, um den schießpulverähnlichen und mit Blut durchtränkten Boden zu riechen oder zu küssen. Wenn Ihr glaubt, Ihr könnt es nicht tun, dann berührt irgend einen aus den Wänden der Häuser herausgefallenen Stein oder ein Betonstück der Gebäude oder einen Teil der demolierten und zerstückelten Spielzeuge. Geht weiter geradeaus auf dem Weg. Wenn eine große Grube, wie ein kleiner Krater Euch begegnet, spuckt mit vollem Munde hinein und ignoriert einfach, was andere sich denken. Seid gewiss, ein Tröpfchen wird in Ankara gespürt. Diese Grube war der letzte Versuch der Schakale mit Autobomben von der türkischen Seite über den Grenzübergang Mürşidpinari kommend. Eingestürzte Gebäude, dem Erdboden gleichgemachte Geschäfte und zerstörte Kreuzungen sind Relikte Made in Turkey.

Während Ihr durch die Trümmer irrt, begegnet Euch ein Mann mit freundlichem Gesicht und leuchtenden Augen, ein kurdisches Tuch um den Hals. Er ist Enver Müslüm, der Ministerpräsident der Kantonalregierung, bescheiden wie aller Kobaner und respektvoll. Umarmt ihn, wie beim Schwimmen im Meer.

Ministerpräsident Enver Müslüm & Memo Şahin

Wenn Ihr ein Stück weitergeht, kommt Euch ein kleines Kind entgegen; langhaarig und blond, mit einem Fahrrad. Weil es fünf Monatelang wegen heftiger Gefechte nicht raus konnte, möchte es nachholen, was es verpasst hatte. Und er kreist in den Ruinen unaufhörlich, hinauf und hinab. Versäumt nicht, zu ihm zu gehen und seine Haare zu streicheln. Vielleicht sind sie fettig, am Körper der Schweißgeruch. Seit drei Jahren hat Kobanê weder Wasser noch Strom, das ist der Grund.

Ihr werdet noch einem Kind begegnen, wenn Ihr einige Schritte vorwärts geht. Einem zehn jährigen Kind, das seine Kindheit frühzeitig vergessen und mündig und reif werden musste. Er ist der Sohn eines Ministers. Monatelang musste er zu Hause bleiben, deswegen hat er seine Kindheit vergessen. Er klammert sich an seinem Vater, Verteidigungsminister Ismet Shêx Hesen. Die Nachdenklichkeit und der wässrige Blick von Shêx Hesen sollen Euch nicht täuschen; die sind wegen der schweren Last auf seinen Schultern. Eine Tasse Tee und ein freundliches Lächeln hat er immer zur Verfügung, um es mit Euch zu teilen. Wenn der ältere Sohn, etwa 17 oder 18, für ein paar Stunden vom Dienst mit der Waffe frei hat, werdet Ihr auch ihn kennenlernen, sonst ist er immer an der Front.

Verteidigungsminister Ismet Shêx Hesen

Wenn Ihr noch etwas weiter geht, kommt Ihr zum Friedensplatz (Ashitî), einem großen Platz, der in Trümmern liegt. Bleib stehen in der Mitte des Platzes und dreht Euch 360 Grad um Eure Achse. Wenn Ihr ein einziges stehen gebliebenes Gebäude seht, drückt bitte den Auslöser der Kameras. Wenn nicht, dann flucht Ihr kräftig, seid sicher, dass es in einigen Hauptstädten gespürt wird.

Etwas weiter links kommt Ihr zur Stadtverwaltung und zum Hauptquartier der YPG (Volksverteidigungseinheiten), in deren Nähe Straßenkämpfe stattfanden und für jeden Quadratzentimeter viel Blut vergossen wurde und viele Verteidiger starben, also zum Zentrum des Widerstandes. Weicht nicht ab vom Pfad und tretet nicht auf weiche Erde an der Straßenseite, eine nicht explodierte Rakete oder in einer Teekanne versteckte Bombe oder Mine kann Euch überraschen.

Wenn Ihr aus der Straße der Stadtverwaltung ein wenig zurückgeht und Euch in Richtung Westen bewegt, werdet Ihr zum Qada Azadi (Freiheitsplatz) kommen, wo die Befreiung verkündet wurde. Dreht Euch um Eure Achse. Wenn Ihr zwei Steine übereinander seht, seid froh darüber. Geht danach in die Querstraßen, in der Nähe der nördlichen Grenzregion. Zerborstene Fensterläden, eingestürzte Fassaden, Glasscherben und nach links und rechts geschleuderte Türen werdet Ihr sehen, alle Geschäfte noch voll mit Waren. Dieser Teil ist das letzte Stadtviertel, das in den Händen der kurdischen Verteidiger blieb. Einige der Schaufensterpuppen sind noch gekleidet, stehen in aufrechter Position, während andere am Boden liegen, umhüllt von Schutt und Asche. Geschäfte mit Brautkleidern, Schuhen, Fotoläden und Friseursalon werdet Ihr begegnen, in der Reihenfolge. Zucker- und Mehldepots, am Boden liegende Betten, offene Kleiderschränke werdet Ihr sehen, weil die Besitzer keine Zeit hatten, aufzuräumen. Dutzende, Hunderte Autos und Motorräder sind überall, fast alle zerstört. Und zerstreute Spielzeuge liegen überall.

Gehen Sie auf die östliche Seite der Grenze auf dem Rückweg. Ein neuer Friedhof ist dort entstanden, mit Dutzenden Märtyrern aus vier Teilen Kurdistan, der noch nach frischer Erde riecht. Betet dort, wenn Ihr wollt, oder küsst einen der Grabsteine. Aber vergesst nicht, den auf einem Grab platzierten Teddybären zu streicheln.

Ihr werdet jungen Frauen und Männer begegnen, mit sonnenverbrannten Gesichtern Waffen tragend. Sie sind überall, auf der Straße, unter den Ruinen oder in einem Gebäude ohne Fassade. Grüßt sie mit Kopfnicken; vergesst nicht, ihre Hände zu schütteln und sie zu umarmen. Was auch immer ihre Position ist, seid bitte einfach und bescheiden, wenn Ihr ihnen begegnet. Das sind die unbekannten Helden des Widerstandes gegen die Barbaren unserer Zeit. Sie sind die Helden der Märtyrer-Stadt Kobanê. Ohne sie wäre Kobanê nicht befreit und der Wiederstand nicht in einen Sieg verwandelt worden.

Katzen kommen aus ihren Verstecken, herrenlose Katzen in den Straßen. Verjagt oder verscheucht sie nicht, auch sie brauchen Zuneigung und Aufmerksamkeit. Freut Euch, dass sie nicht verrückt geworden sind durch die ständigen Bombardements. Wenn es an einem Ort Katzen gibt, heißt das, dass das Leben weitergeht.

Auf dem Rückweg auf der rechten Seite der Grenze begegnet Ihr einer Frau, die sich verabschieden möchte. Ayse Efendi heißt sie, eine Aktivistin der ersten Stunde der Revolution, Ehefrau des Vorsitzenden der PYD (Partei der demokratischen Einheit), Salih Müslüm, und die Mutter der Gefallenen Shervan. Seid großzügig beim Respekt und ehrt sie, sie hat es verdient.

Kobanê sollte so geschützt und in ein Museum der Grausamkeit des 21. Jahrhundert umgewandelt werden. Wenn das nicht möglich ist, wenigsten einige Stadtteile sollten in diesem Zustand beibehalten werden, als Freilichtmuseum und Beweis und Zeuge der djihadistischen Banden.

Eine Bitte der Kantonalregierung an die Adresse der deutschen Regierung, Kommunen und NGOs: Für den Aufbau von Kobanê brauchen sie Hilfe, auch aus Deutschland, sei es poltischer oder materieller Art. Ohne die Öffnung eines Versorgungskorridors über die Türkei kann das Leben dort nicht blühen. Und ohne Baumaschinen und –material ist es fast unmöglich, die Trümmer zu beseitigen. Das BMZ könnte Wiederaufbauhilfe starten, die Kommunen könnten ihre alten aber noch funktionierenden Baumaschinen bereit stellen und die NGOs die Not der Menschen lindern.


(Tageszeitung Yeni Özgür Politika, 12.2.15, www.yeniozgurpolitika.org/index.php?rupel=nuce&id=39063 und die Nützlichen Nachrichten 1-2/2015)