Ich dachte, die ganze Welt spricht Kurdisch“
–Lebensgeschichten der kurdischen Migranten

von Memo Şahin

mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Udo Steinach

„Ich dachte, die ganze Welt spricht Kurdisch‘ –Lebensgeschichten der kurdischen Migranten“ ist erschienen.

In dem Buch werden anhang von 12 Interviews Lebensgeschichten der kurdischen Migranten dargestellt. Eine kurze Geschichte der Migration der Kurden und Auswertung der Interviews begleiten die Lebensgeschichten.

Mit einem lehrreichen Geleitwort appelliert Prof. Dr. Udo Steinbach, Leiter des Deutschen Orientinstituts in den Jahren von 1976 bis 2006, an die deutsche Politik, Kurden als eine eigenständige Migrantengruppe anzuerkennen.

„In zunehmendem Maße stellen die Kurden in Deutschland eine Gemeinschaft dar, die sich nicht mehr nach den Herkunftsländern definiert, sondern sich in der deutschen Gesellschaft eigenständig versteht. Insbesondere grenzen sie sich kulturell und sprachlich gegen die türkischstämmige Gemeinschaft ab. Nachdem – zu Recht –  die alevitische Religion nicht mehr vom Islam her definiert wird, wird es Zeit, auch die kurdische Gemeinschaft nicht länger aus dem Türkentum oder anderen Völkern zu definieren, mit denen die Kurden in ihren Siedlungsgebieten im Nahen Osten zusammenleben… Die Anerkennung einer kurdischen Identität innerhalb der deutschen Gesellschaft bedeutet keinen Vorschub für politische Bemühungen, die Grenzen im  Nahen Osten neu zu ziehen. Sie ist eine natürliche Schlussfolgerung aus den Veränderungen, die Migration und Einwanderung in der deutschen Gesellschaft gezeitigt haben… Sie sollten auch als Geste der Entschlossenheit der deutschen Politik verstanden werden, einen Beitrag zur Lösung des kurdischen Problems in der Türkei zu leisten“, so Prof. Dr. Steinbach.

Zum seit drei Jahrzenten andauernden bewaffneten Konflikt nimmt Prof. Dr. Steinbach wie folgt Stellung: „Ich selbst habe an drei Tagen im August 1994 achtzehn Stunden lang mit Abdullah Öcalan gesprochen. Es war der Zeitpunkt, da er begonnen hatte, die Lösung der kurdischen Frage in der Türkei mit der Vertiefung von Demokratie und Rechtstaatlichkeit in dem Land zu verbinden.

Es war ein langer Weg, den er gegangen war. Manche musste er hinter sich lassen, von denen er Unterstützung erwartet hatte. Auch die türkische Linke mit ihrer progressiven Rhetorik erwies sich als chauvinistisch, wenn es um die Rechte der Kurden ging. Gewalt ist ein hässliches Phänomen. Aber wenn es darum geht, Strukturen aufzubrechen, die Menschen und Völkern Recht und Gerechtigkeit verweigern, ist sie historisch – als Teil einer politischen Strategie – unvermeidbar. Die Kurden haben das in allen Ländern erfahren, in denen sie herkömmlich ansässig sind. In ihrer Nachbarschaft hat das palästinensische Volk ähnliche Erfahrungen gemacht. In der Türkei hat der Kampf Abdullah Öcalans die legitime Forderung der Kurden nach Freiheit, Gerechtigkeit sowie wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung unwiderruflich auf die Tagesordnung der Politiker in der Türkei gesetzt.“

Einige kurze Eckdaten aus dem Buch von Şahin zu Kurden in Deutschland:

  • Die Zahl der Kurden in Deutschland liegt derzeit über eine Million.
  • Sie bilden die zweitgrößte Migrantengruppe und kommen aus mehr als zehn Staaten.
  • Viele von ihnen sprechen mindestens drei Sprachen und kennen drei Kulturen.
  • Heutzutage sind die Kurden in Deutschland nicht nur Arbeitnehmer und Flüchtlinge. Gleichzeitig haben Zehntausende junge KurdInnen die Hochschulen absolviert und sind Ärzte, Ökonomen und Ingenieure geworden. Zehntausende haben sich selbstständig gemacht und ihren eigenen Betrieb gegründet.
  • Diese zweitstärkste Migrantengruppe ist bis heute aber wegen Rücksicht auf die Türkei nicht mit den anderen in Deutschland lebenden Migrantengruppen gleichgestellt.
  • Etwa bei Hälfte der aus der Türkei eingebürgerten Menschen handelt es sich um KurdInnen. Die Tendenz sich einzubürgern ist steigend und bei Kurden größer als bei Türken, Arabern oder Persern, weil ihre Identität seitens der Herkunftsstaaten nicht anerkannt wird und sie ihre Grundrechte als deutsche Staatsbürger am besten wahrnehmen können.
  • Obwohl sie alle nicht aus demselben Staat kommen, erzählen sie übereinstimmend von der Unterdrückung und Willkür der Kurdistan unter sich teilenden Staaten und haben ähnliche Schicksale erlebt und sind traumatisiert. Einige sind Kriegsgeschädigte und Opfer des schmutzigen Krieges geworden, in dem sie selbst verletzt wurden oder Körperteile verloren haben. Einige wiederum haben ihre Angehörige und Kinder verloren.
  • Der gemeinsame Nenner der Interviewpartner ist die Sehnsucht nach Heimat und der Wunsch, dass Kurdistan sich eines Tages vom Joch der Fremdherrschaft befreit.

Dieses Buch ist die erste Dokumentation der Lebensgeschichten der kurdischen Migranten in Deutschland. Bei der 50-Jahresfeier der Immigration aus der Türkei hat weder Deutschland, noch die Türkei sie berücksichtigt und in Erinnerung gerufen. Was hier vorliegt, sind die Geschichten der Angehörigen dieses „Volkes ohne Anwalt.“

Zum Schluss sagt Şahin: „Wenn dieses Buch einen kleinen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben und zur besseren Verständigung zwischen Deutschen und Kurden leisten kann, können wir uns glücklich fühlen und in Ruhe sagen, dass die Mühe sich gelohnt hat!“

Erschienen ist das Buch bei Pro Humanitate, ISBN- 3-933884-12-8,
Postfach 90 31 70, 51124 Köln, pro-humanitate@web.de