Die aktuelle Reportage

Erdbebenopfer in Wan: „Wir haben es geschafft am Leben zu bleiben!“

Gulê Çınar-Şahin

Auf die Frage, wie es ihnen gehe, sagte die 50-jährige Narê: „Wir haben es geschafft am Leben zu bleiben.“ Narê und ihre 8-köpfige Familie lebt in einem Zelt, in dem armen Wohnviertel von Süphan. Narê bittet uns herein. Das Zelt ist provisorisch aus Plastikplanen zusammengestellt. Auf dem Zeltboden gibt es keine Isolierung. Es wurde lediglich ein dünner Teppich ausgebreitet. Man spürt die Kälte. Das Zelt ist notdürftig ausgestattet. Es befinden sich ein paar Matratzen, Kissen und Decken, welche am Tag als Sitz- und abends als Schlafgelegenheit benutzt werden. Gewärmt wird mit einem Kohleofen. Dieser Winter sei besonders kalt gewesen. Die Kommune habe Kleidung, Decken, Ofen, Teppich und Nahrungsmittel an sie verteilt. Während sie uns Tee anbietet, sagt sie: „Gott möge die Kommune und die Partei (gemeint ist die pro kurdische Partei BDP- Partei für Frieden und Demokratie) schützen, ohne sie hätten wir nicht überlebt.“

Fünf Monate sind nach dem Erdbeben in der kurdischen Provinz Wan/Van vergangen. Viele Menschen sind obdachlos und wohnen in provisorisch erstellten Zelten. 10-15 Personen leben auf engsten Raum zusammen. Hilfsunterstützungen von der Zentralregierung in Ankara, sind sehr gering. Bei der Verteilung der Hilfsgüter wird nach Parteibuch selektiert. Dies bedeutet, dass vor allem die Menschen unterstützt werden, die der Regierungspartei AKP nahe stehen. Ca. 60% der Bevölkerung erhält keinerlei Unterstützung von der Zentralregierung. Es gibt 29 Containersiedlungen, in denen vor allem AKP-Wähler angesiedelt wurden. Sie erhalten täglich warmes Essen und andere Hilfsgüter. Aber auch aus diesen Reihen ist Kritik zu hören. Im Gespräch mit einem Containerbewohner ist seine Unzufriedenheit zu spüren. Sie hätten kein fließendes Wasser, Probleme mit der Kanalisation und die Müllbeseitigung würde nicht funktionieren. Die Bewohner hätten versucht mit dem Gouverneur zu reden, aber vergeblich. Er würde sie nicht beachten. Wir erfahren auch, dass Journalisten nicht in die Containersiedlungen rein gelassen werden. So möchte man die Berichterstattung verhindern. Auch äußerlich ähneln die Containersiedlungen einem Gefängnis. Sie sind umzäunt mit Stacheldraht und die Polizei ist stets präsent.

Die Infrastruktur in vielen Vierteln ist zusammengebrochen. Wasser kann nicht abfließen. Es haben sich kleinere Seen gebildet. Überall ist Schlamm. Die Kinder sind öfters krank, sie haben Fieber, Husten und Gelenkschmerzen. Einen Arztbesuch können sich nur die leisten, die Geld haben. Die Kommune versucht mit ehrenamtlich engagierten Ärzten, dieses Problem zu lösen. Der Bedarf ist aber viel höher, als es ehrenamtliche Ärzte gibt.

Viele Menschen sind traumatisiert. Vor allem machen die Nachbeben den Menschen große Angst (bis zur 4,8 auf der Richterskala, auch im April 2012). Deshalb schlafen viele in ihrer Kleidung. Vier Nachbeben konnten wir innerhalb einer Woche miterleben. Kinder haben Angst alleine zu schlafen. Viele von ihnen sind bis spät in die Nacht wach. Die große Angst der Kinder ist auf den Bildern, die sie gemalt haben, zu sehen. Die Kommune hat in 5 Bezirken Zelte mit Erzieherinnen bereitgestellt. Es wird gemalt, gespielt, gebastelt und gesungen. Je Zelt nehmen 20-30 Kinder täglich dieses Angebot in Anspruch.

Um die Arbeit besser koordinieren zu können, wurden von der kurdischen Kommune Kommissionen in 5 Stadtbezirken eingerichtet. Diese Kommissionen sind für die Belange und Bedürfnisse der Bevölkerung zuständig. Die Hilfsgüter und finanzielle Möglichkeiten der Kommune sind gering. Der erste große Bedarf konnte durch die Unterstützung der anderen kurdischen Kommunen und Hilfsorganisationen aus dem Ausland gedeckt werden. Die Kommissionen arbeiten rund um die Uhr. Täglich kommen Hunderte von Menschen zum Zelt, um für ihr Leid und ihre Bedürfnisse eine Antwort zu finden. Niemand wird weggeschickt. Wegen der geringen finanziellen Mittel stoßen die Mitarbeiter an Grenzen. Die Mitarbeiter gehen sehr behutsam und respektvoll mit den Menschen um, obwohl diese manchmal beleidigend werden und die Mitarbeiter persönlich angreifen.

Es herrscht ein einjähriges Bauverbot. Die Menschen werden auch im Winter 2012/2013 in ihren provisorischen Zelten verbringen müssen. Das Ziel der Zentralregierung ist es, die Bewohner, die in den letzten 20 Jahren nach Wan gekommen sind, in Plattenbauten (Toki – Housing Development Administration of Turkey) anzusiedeln und somit die Kontrolle über sie zu erhöhen. Dieser Plan der AKP-Regierung wird vermutlich nicht aufgehen, denn die überwiegende Mehrheit der Menschen in Wan sind Bauern. D.h. sie brauchen ihren Garten für Obst- und Gemüseanbau und für die Viehhaltung.

Die Einwohnerzahl von Wan betrug 600.000. Nach dem zweiten Erdbeben am 9.11.2011 sind viele zu ihren Verwandten in die benachbarten kurdischen Städte und in den Westen geflohen. Zurückgeblieben sind die Ärmsten der Armen ca. 200.000. Seit März 2012 kommen die Menschen wieder zurück. Nach Angaben der Kommune lebt 60% der Bevölkerung wieder in Wan.

Auf die Frage wie die derzeitige Situation in Wan sei, sagt Selim Bozyigit, stellvertretender Bürgermeister von Wan: „Die Menschen hier haben vor allem wirtschaftliche, soziale und psychische Probleme. Wir versuchen Hilfe zu leisten. Aber unseren Ressourcen sind sehr knapp. Von der Zentralregierung erhalten wir keinerlei Hilfestellung. Wir versuchen unsere Menschen so gut wie möglich zu unterstützen. Die Mittel sind gering. Es fehlt weiterhin an Lebensmitteln, Kleidung, finanziellen Mitteln, Baufahrzeuge und Zubehör. Die Unterstützung aus dem Ausland ist sehr wichtig für uns. An dieser Stelle möchte ich mich, in Namen der Kommune, bei Pro Humanitate für ihre Unterstützung bedanken. Diese Unterstützung ist für uns sehr wertvoll“.

Abschließend ist festzuhalten: Bis Juni werden voraussichtlich alle Bewohner von Wan zurückkommen. Die Infrastruktur ist zerstört. Um diese zu beheben fehlt es an Fahrzeugen und finanziellen Mitteln. Die Menschen werden auch nächsten Winter in den Zelten verbringen müssen, Kinder werden krank werden und sterben. Die Zentralregierung in Ankara wird den Aufbau in Wan nicht unterstützen. Auch heute, nach 5 Monaten, wird nach dem Parteibuch selektiert. Protesten wird mit Tränengas und Knüppeln begegnet.

Beeindruckend sind die Hilfeleistung der anderen kurdischen Kommunen und die Solidarität der kurdischen Bevölkerung aus anderen Städten. Beeindruckend ist auch die Arbeit der Kommissionen in den Stadtbezirken. Beeindruckend sind auch die Menschen, die trotz ihrer Notlage lächeln und Stärke zeigen. Ein 60-jähriger Kurde sagte mir: „Egal was kommt, ob Erdbeben, Verhaftungen oder Folter – wir geben nicht auf!“

Pro Humanitate hat mit finanzieller Unterstützung von Caritas-Deutschland, der Missionszentrale der Franziskaner, des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) und des Päpstliches Kindermissionswerk vom 31.3.-7.4.2012 insgesamt 58,9 Tonnen Lebensmittel in 5 Stadtbezirken von Wan verteilt. 1900 Familien haben Reis, Speiseöl, Zucker, Linsen, Weizengrütze, Nudeln und Tomatenmark erhalten. Die Listen der notbedürftigen Familien wurden mit den Kommissionen in den 5 Stadtbezirken zusammen erstellt.

Auch Sie können helfen! Mit einer Spende von etwa 35 Euro können Sie eine Familie mit Lebensmitteln (je 5 kg Reis, Speiseöl, Zucker, Nudeln, Linsen und Weizengrütze und 1 kg Tomatenmark) unterstützen.

Helfen Sie mit, damit Not und Leid der Erdbebenopfer gelindert und Brücken der Freundschaft errichtet werden.

Spendenkonto: Pro Humanitate e.V., Konto: 10 26 25 33, BLZ: 370 501 98 bei der Sparkasse KölnBonn. (Spenden sind steuerlich abzugsfähig), pro-humanitate@t-online.de