Memo Şahin

Seit der Befreiung von Kobanê aus den Händen der Banden des Islamischen Staates (IS) am 26. Januar 2015 haben von etwa 200.000 geflüchteten Menschen 90.000 wieder nach Kobanê und umliegenden Dörfer zurückgekehrt. Sie möchten dort ein neues Leben beginnen, ein Leben nach der Invasion der islamistischen Banden, ein Leben auf der verbrannten Erde, in der zerstörten Stadt Kobanê.
Im April, im Ostern 2015 war Pro Humanitate wieder an Ort und Stelle, um die Rückkehrer nicht alleine zu lassen, um sie konkret zu unterstützen. Diesmal mit Brot für die Rückkehrer nach Kobanê.

image001

Das Bild der kleinen Stadt Pirsûs/Suruc ist diesmal total anders. Vorher war eine Unmenge von Menschen auf den Straßen. Mit der Rückkehr der Kriegsflüchtlinge aus Kobanê hat diese kleine Stadt fast die Hälfte ihrer „Bevölkerung“ verloren. Von den in den fünf Zeltlagern lebenden etwa 6.000 Familien ist etwa ein Zehntel übrig geblieben und die Zeltlager wurden zusammengelegt, um die Versorgung der Flüchtlinge zu erleichtern. Auch von den in den Dörfern aufgenommenen Flüchtlingen sind viele wieder zurückgekehrt, mit der Hoffnung ihre zerstörten Häuser wiederaufzubauen, ihre Felder zu bestellen und ihre Oliven- und Obstgärten zu pflegen.

image003

Diesmal waren wir mit der ganzen Familie unterwegs, ich, Gulê und unsere Kinder Rênas und Zana. Die Kinder haben von ihrer „Schatzkammer“ die besten Spielzeuge aussortiert, sie poliert, in zwei Taschen eingepackt und mitgenommen, für ihre Brüder und Schwester, die alles verloren haben. Außerdem wollten sie ein paar Tage im Hilfslager bei der Verpackung der Hilfsgüter arbeiten, was Praktisches für ihre Geschwister tun.
Als wir in der Grenzstadt Pirsûs/Suruc ankamen, wurden wir von der Gendarmarie kontrolliert. Die Zeltlager waren zum Teil aufgelöst; in den bestehenden Lagern waren nicht so viele Flüchtlinge anwesend. Auch im Hilfslager sah es düster und leer aus, weil viele Flüchtlinge zurückgekehrt waren und der größte Teil der Hilfsgüter direkt nach Kobanê umgeleitet wird.

image005

Es war geplant, dass wir mit dem gekauften 150 Tonnen Mehl über die Grenze nach Kobanê fahren. Vorher wurden die Liefertage bestimmt, alle Erlaubnisse eingeholt, die Kopien der Pässe und Ausweise vorgelegt. Als der Liefertermin kam, wurden wir am frühen Morgen unterrichtet, dass die Grenze für mindestens eine Woche für Personenverkehr gesperrt wurde und wir nicht nach Kobanê fahren dürfen.
Für den Transport der Hilfsgüter wurde ein großes umzäuntes Lager bestimmt. Vor dem Lager wurden Panzer und Militär- sowie Polizeifahrzeuge platziert. Im Innen des Hofes waren Polizei und Gendarmerie stationiert. Dort erledigen die Beamte vom türkischen Roten Halbmond Kizilay und Katastrophenschutz Afad im Auftrage der türkischen Regierung die Formalitäten der nach Kobanê zu liefernden Hilfsgüter.
Die LKWs mit Hilfsgütern kommen hier an. Die Beamten von Kizilay und Afad erhalten Lieferscheine der LKWs, kontrollieren, ob alles in Ordnung ist und bestellen von der Polizei und Militär Kontrollbeamten. Sie durchleuchten die beladenen LKWs mit Metallsensoren, nehmen mit einer Kamera alles auf und abfertigen ein Protokoll. Nach der Erlaubnis dieser Beamten können die Hilfsgüter ihre Fahrt nach Kobanê nehmen.

image007

Auch unsere Hilfsgüter wurden streng kontrolliert und abgesegnet. So fuhren wir mit sieben mit 150 Tonnen Mehl beladenen LKWs zur Pufferzone zwischen der Türkei und Kobanê. In der Pufferzone sind ein Tisch mit ein paar Stühlen, drei-vier türkische Beamte und genau so viele kurdische Kämpfer aus Kobanê zu sehen. Auf dem Tisch befinden sich Waffen, ein Wasserpfeife (Nargile), die abwechselt geraucht wird, eine Packung Baklava (Süßes Gebäck) und ein paar Teegläser. Die türkischen und kurdischen Beamten sind gut gelaunt und machen gegenseitig Späße. Hier werden die Papiere der LKWs noch einmal kontrolliert und die LKWs passieren über die Grenze nach Kobanê.
Wenn man dieses Bild in der Pufferzone sieht, fragt man sich, warum das, was dort abspielt, nicht woanders möglich ist?
Das von uns gelieferte Mehl wird in Kobanê in der kommunalen Brotfabrik zum Brot gebacken und kostenlos an die Rückkehrer verteilt.

image009

Pro Humanitate war die erste europäische Hilfsorganisation, die von Anfang an die Kriegsflüchtlinge kontinuierlich unterstützt hat. Hier ist die Liste der von Pro Humanitate e.V. und Dialog-Kreis Hilfsaktionen der letzten Monate:

  • Im November 2014 wurden 6.000 Stück neue Kleider, gespendet von einem europäischen Warenhaus, an jesidische Kurden im Newroz-Camp in Syrisch-Kurdistan verteilt.
  •  Im Dezember 2014 wurden die Flüchtlingskinder aus Kobanê, die in Suruç leben mit 1.200 Packungen Babynahrung, 2.000 Paar Gummistiefeln, 500 Winterjacken, Medikamenten und 3 Tonnen Zucker unterstützt.
  • Im Februar 2015 wurden an 1.400 kinderreichen Flüchtlingsfamilien 52 Tonnen Grundnahrungsmittel verteilt. Die 37 kg umfassende Familienration bestand aus je 5 kg Speiseöl, Reis, Weizengrütze, Nudeln, Bohnen, Linsen und Zucker sowie 2 kg Tomatenmark. Zusätzlich wurden Babynahrung, Windeln, Binden, Hygieneartikel und Mehl ausgegeben. Diese Hilfsaktion wurde ermöglicht durch die freundliche Unterstützung der Missionszentrale der Franziskaner und des Kindermissionswerks „Die Sternsinger“.
  • Und im April wurden mit Unterstützung von Missionszentrale der Franziskaner, Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ und Arbeiter-Samariter-Bund 150 Tonnen Mehl unter dem Motto „Brot für Kobanê“ geliefert.
    Dank der Unterstützung vieler Spenderinnen und Spender, der Missionszentrale der Franziskaner, dem Kindermissionswerk „Die Sternsinger“, dem Arbeiter-Samariter-Bund sowie einer Stiftung und einem Warenhaus konnten wir so Tausenden von Kriegsflüchtlingen, Opfern der islamistischen IS-Banden helfen.
    Das oben genannte europäische Warenhaus wird in den nächsten Wochen uns noch einmal 6.000 Stück neue Kleider spenden. Dies wird ebenfalls den Kriegsflüchtlingen zugutekommen.

Auch Sie können helfen, mit einer kleinen Spende die Not der Opfer des IS-Terrors zu mildern.
Pro Humanitate e.V. Köln ist als gemeinnütziger Verein anerkannt. Spenden sind steuerlich abzugsfähig.
Spendenkonto: Pro Humanitate e.V.
IBAN DE16 3705 0198 0010 2625 33
BIC COLSDE33XXX • Sparkasse KölnBonn Stichwort: Rojava
Pro Humanitate e.V. Postfach 90 31 70, D-51124 Köln, pro-humanitate@t-online.de, www.pro-humanitate-koeln.de